Schön, dass Du Dich mal wieder blicken lässt – Mutter

Meine Mutter, die allerbeste und doch auch wahnsinnig nervende Frau, hat mir vor allem eines versucht zu vermitteln: die Welt steht Dir offen, geh ins Ausland, studiere oder mache etwas, was Dich glücklich macht. Aber heirate bloß nicht oder zumindest nicht zu früh!

Bestimmt auch deswegen, bin ich nach Frankreich und in das krasse Tirol und habe mein Studium fröhlich über die Regelstudiendauer geschubst.  Dann also Politikwissenschaftlerin mit Magister, noch ein wenig Happening oben draufgesetzt (Soziologie und Gender Studies, aber ohne Abschluss). Bis zu dem Zeitpunkt, zudem ich einen Job suchte, habe ich das sehr genossen.

Babies sind fantastisch [langweilig]

Ich bekam endlich endlich ein Baby. Da lag es also das dicke Glück, das liebste und schönste. Und doch fehlte mir in den ersten Wochen vor allem eins: Mein Gehirn. Ich verzehrte mich nach dem Teil auf der Welt, der mir Bücher vorlas, krumme Gedanken und Gedichte erfand und manchmal auch einfach nur Trübsal tröten wollte. Mein ganzes Leben wurde ich auf ein studiertes  wie auch immer Leben vorbereitet und dann das: Bam!

Das Baby konnte gar nichts. Dabei konnte es mehr als alle anderen Babies auf der Station (Kopf heben und so). Mein Hirn und ich starrten abwechselnd vor unbändiger Freude und vor Angst in das Babybettchen. Manchmal weinten wir vor Überforderung, dann um eine verlorene Freiheit.

Das ging nur ein paar Wochen und das Gefühl war krass, weil mich niemand darauf vorbereitet hatte. Babies sind süß, toll, stinkig, laut, wahnsinnig witzig, aber sie haben nicht deinen Intellekt und sie beschäftigen sich erstmal sehr sehr lange damit in der Welt anzukommen und  Basics zu checken (wie Faust machen, saugen, trinken, weinen).

Alles ok mit den Kleinen, sie sind verdammt cool oder that is not the point

Weniger cool ist die Tatsache, dass wir hier einen Mindgap haben, der heißt, Frauen geben ihr Gehirn eine Weile in Obhut lustiger Hormone wie Oxytocin und so weiter, und dann? Dann bleiben sie erstmal zu Hause. Die Männer holen derweil ihr Gehirn an der Bar oder sonstwo ab und gehen wieder in die Arbeit. Während die Gesellschaft also davon ausgeht, dass Frauen auf ihre ganze Bildung (tut mir leid voll bildungsbürgerlicher Einschlag) und sonstwas verzichten können, maßt man Männer das nicht an. Gut, ich hatte jetzt wirklich Glück mit so einem Bärtigen zusammenzuleben, der Lust hatte zu Hause zu bleiben. Dem gingen aber auch abertausende Diskussionen in acht langen Jahren voran und das nicht, weil er sich rausziehen wollte, sondern, weil er sich dazu noch keine Gedanken gemacht hatte (oder besser, vielleicht nicht so viele, wie so eine Gender-Dame).[Notiz an Es: Wer privilegiert ist und als Norm des gesellschaftlichen Lebens gilt, der braucht sich dazu auch keine Gedanken zu machen]

Wie man Hirnakkus auflädt

Das ist prima, denn wir können uns austauschen, z.B. darüber, dass  sein Gehirn unterfordert ist/war und er, sobald ich nach Hause eile, irgendwohin flitzen muss, um seinen Hirnakku aufzuladen.Und das ist gut so. Und völlig normal. Nicht normal ist, dass junge Frauen statt ihres Intellekts jetzt nur noch zu instinkthaften Wesen (Naturalismus sei Dank) gemacht werden, die sofort spüren [müssen!] was ihrem Baby fehlt (was damit gleichzeitig Männern und allen anderen abgesprochen wird)[Notiz an die Puppenstube: Schreit es vor Hunger oder vor Müdigkeit? I don’t fucking know!].

Das ist ein Problem. Ein fettes. Denn statt die langweiligen Steinzeit-Märchen wieder aufleben zu lassen, braucht es neue Narrative. Zum Beispiel, dass Babies im ersten Jahr langweilig sind, dass sie viel Liebe und Zuneigung brauchen, die aber von Menschen egal welchen Geschlechts kommen können. Dass man sich die Care-Arbeit also verdammt gut teilen kann. Dass Instinkt ein Konstrukt ist, der nicht aus der Brust tropft. Dass niemand Angst haben muss, dass man was verpasst, nur weil man ein paar Stunden arbeiten geht. Dass es dem Baby gut geht, auch mit mehr als einer Bezugsperson.

Bisher ist es noch nicht vorgekommen, dass ich Morgens aus dem Haus gehe, das Baby mich lustig anglotzt und ich abends mit den Worten begrüßt werden:“Schön, dass Du Dich auch mal wieder blicken lässt, Mutter!“

P.s. Ein Rant-Text, mal wieder. Und ja, ich kann Frauen verstehen, die zu Hause bleiben. Ich möchte auch ganz oft nur die eine klare Rolle. Aber ich fühle mich nicht wohl dabei. Wenn ich hier also (junge) Frauen angreife, die zu Hause bleiben, tut es mir leid, aber vielleicht ist das dann auch nicht der Text für Euch, ich kämpfe für die Anderen.

 

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