Dilemma Number one – die Retroperspektive

Ich bin mir unsicher, wie ich hier weiter schreiben soll. Eigentlich hatte ich vor Euch irgendeine Art von Retroperspektive zu geben. Zum Beispiel von den Gesprächen mit meiner besten Freundin zu erzählen, damals in der Schule…

oder wie kommt es eigentlich, dass Du Feministin bist?

…Heiraten niemals
Damals, als wir jede noch so kleine Pause nutzen, auf den Flur zu fliehen, uns an eines der großen Fenster zu setzen, von denen man direkt auf den Pausenhof blicken konnte. So saßen wir zusammengekauert auf der Fensterbank, die Knie an die Brust gezogen, unter uns die warme Heizung und sinnierten über das Leben, oder darüber, wie wir es uns das so vorstellten und wie wir es uns nicht vorstellen. Ich kann mich nicht mehr an all die Gespräche erinnern, so wie ich mich an vieles nicht mehr erinnern kann, ich zähle eher zu den Siebträgern unter den Elefanten. Aber geblieben ist dieser einzigartige Konsens: Nie zu heiraten, und bitte nie Kinder zu bekommen. Jetzt rückblickend möchte ich behaupten, dass wir fast jedes Gespräch so angefangen oder so haben enden lassen. Mittlerweile hat sie zwei Kinder und ich eines. Rückblickend könnte man also meinen, diese feministische Ader hat sich da ja schon gezeigt. Nur, dass das Quatsch ist. Von Feminismus hatte ich nie jemanden reden hören und mich also solche zu bezeichnen, völlig verfrüht. Die Aussage, die wir hier trafen hatte bei mir eher mit der Angst zutun, so zu werden wie meine Eltern.

Cause you can do everything..
Einer geht arbeiten. Die andere macht alles. So war die Rollenaufteilung meiner Eltern bis zu meinem 19. Lebensjahr. Dann hat meine Mama auch noch gearbeitet. Und alles gemacht. Für mich herrschte in meinem kindlichen Reptilienhirn Determinismus: Ich werde so wie meine Eltern bzw. meine Mutter. Daran kann ich nichts ändern. Aber ich kann daran etwas ändern, ob ich Mann, Kinder etc. möchte. Also lieber nicht. Ich kannte auch keine Eltern, bei denen das Verhältnis irgendwie anders war. In meiner Strasse herrschte die Norm der 50er. Es gab eine Scheidungsfamilie, die von den Normfamilien gedisst wurde (und von mir verehrt) und Strassenfeste, auf denen die Mütter Trifle, Bayerisch Creme und Tiramisu brachten und die Männer Bierbänke schleppten und Bierfässer anrollten. Abende, an denen die Männer vollmundig ihre Weiseheiten kundtaten und die Frauen sich über Rezepte austauschten. Überspitzt und doch irgendwie wahrheitsgemäßg.

Oder eben nicht..
Dann später, da war ich so jugendlich (un)ausgereift, hat mich Geschlecht einen Scheiß interessiert. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass es keine Rolle spielt. Dachte ich zumindest, gleichzeitig beschäftigte ich mich ausschließlich mit meinem Körpergewicht, klebte mir abends Hefe mit Zitrone aufs Gesichts und verschlang die Fotostories in Mädchen und Bravo.  Ich schwankte zwischen, Mädchen sind gleicher als Jungen und dem unbändigen Wunsch nach einem Ritter hoch zu Roß.  Der kam erstmal nicht, oder zumindest ohne Pferd.

Das reicht doch erstmal, oder? Ich sehe, ich kommt nicht dahin, wo ich hinwollte. Vielleicht ja dann das nächste Mal, wenn es wieder heißt: Äh, momentmal, in welcher Gesellschaft leben wir eigentlich und wollen wir leben?

 

 

 

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