Feministische Elternschaft anyone?

Seit ich diesen Blog angefangen habe, brennt es mir unter der Zunge. Aber immer wieder, wenn ich anfange, darüber nachzudenken, die Ebenen zu finden, die es zu trennen gilt, das Unsagbare sagbar zu machen; sind sie weg: Die Wörter, die Gedanken, die Analyse. Zurück bleibt Verwirrung und ein schlechter Geschmack im Mund.

Wer passt denn auf das Kind auf?

Ich könnte versuchen, es an einem Bild festzumachen. Den nur ganz leicht hoch gezogenen Augenbrauen, wenn ich sage, das ich arbeite und der Mann zu Hause ist. Um dann einen Moment später die Frage zu hören: Wer denn auf das Kind aufpasse? Ungelogen, ich habe das jetzt schon mehrfach beobachtet. Ich glaube nicht mal, dass das böse gemeint ist. Ich denke, das ist einfach beispielhaft für unsere Zeit, die nicht wirklich fortschrittlich in dieser Hinsicht ist. Es ist für viele Väter nicht denkbar länger als zwei Monate zu Hause zu bleiben. Und in der Frage: Wer denn auf das Kind aufpasse?, schwingt also die Annahme mit, dass jemand anders auf das Kind aufpassen muss, als „nur“ der eigene Mann. Vielleicht, weil sich manche Männer in der Elternzeit nicht ausschließlich um ihren Nachwuchs kümmern, sondern um ihr Fortkommen, ihre Karriere, ihre Hobbies, ihre Wünsche etc. Ich muss also nochmal erklären, dass der Mann sich wirklich um das Kind kümmert und fast nichts Eigenes macht, außer abends, wenn das Gebrumm schläft.

…ein Gefühl

Ich könnte versuchen, es an einem Gefühl festzumachen. Diesem Gefühl, dass mich überfällt, von meinen Zehenspitzen geradewegs ins Gehirn rast, wenn ich wieder einem dieser Elternpaare gegenübersitze, in der die Frau die Leistung ihres Körpers lobt, den Sinn, den sie nun endlich im Leben gefunden hat.

...ein Narrativ

Ich könnte es an dem Narrativ festmachen, das mir rausrutscht, wenn mich Leute fragen, ob und wie ich wieder arbeite und ich mich verteidige, bevor ich angegriffen werde. Dann betone ich, dass der Mann mehr Elterngeld bekomme, dass mein Job weggewesen wäre, dass wir so beide viel Zeit für das Baby haben. Und lüge ich mir doch in die Tasche. Denn wtf? Ich arbeite einfach gerne! Was, wenn ich es einfach wunderbar finde, an einem Schreibtisch zu sitzen und viele Aufgaben zu haben, um dann nach Hause zu kommen und einen gackernden Knäuel in den Arm zu nehmen? Wenn ich es auch wunderbar finde, mal einen halben Tag Babyfrei zu haben und auf einen Vortrag, einen Kongress, in eine Ausstellung gehen zu können?

…andere Eltern/die Mehrzahl der Eltern

Ich könnte es an all den Eltern festmachen, die mir hier in dieser Stadt begegnen und zu denen ich nicht gehöre. Den am Wochenende-schiebe-ich-den-Wagen-Papa, den Frauen, die ohne zu diskutieren aus ihrem Beruf aussteigen und die Väter nicht mal Windeln wechseln lassen, weil sie etwas falsch machen können. Den Frauen, die nicht mehr in den Beruf zurückkehren und denjenigen, die es wollen, aber dann nicht mehr können.

…Stilldiskussionen

Ich könnte es an all den Diskussionen um Stillen festmachen, die sich immer auch um Bindung drehen und niemand sich die Frage stellt, wie denn Männer dann diese Bindung oder auch das Ausgeschlossen-Sein erleben. Was, wenn dieser ideologisch geführte Streit die Zügel etwas lockerer machen würde und Hebammen und Gynäkologen nicht mehr nur zur Geburt, sondern auch zur Elternschaft beraten würden. Was, wenn diese dann auch den Satz sagen würden, na und die Genialität der Muttermilch hü oder hott, nicht stillen hat auch Vorteile, etwas wenn sie eine einigermaßen gleichberechtigte Partnerschaft führen wollen…

Kein Fazit

Versteht mich nicht falsch, ich finde jede Frau soll und darf entscheiden, wie lange sie mit dem Baby zu Hause ist und auch ob sie die Brust gibt oder nicht. Was ich mir nur wünsche, ist eine Optionsvielfalt: mit stillenden Papas, mit arbeitenden Müttern, mit putzenden, tröstenden Vollzeitpapas. Stattdessen beobachte ich vor allem eine Retraditionalisierung, die mit Erleichterung einhergeht. Vielleicht, weil viele Mamis und Mama einfach keinen Bock haben, diese Gap zu meistern zwischen Arbeit und Familie und in beidem zu bestehen.

Als ob sie  sich in den Sessel der eigenen Großmütter gleiten lassen und erstmal nicht mehr aufstehen zu wollen. Was ich gut verstehen kann. Denn die Gesellschaft und auch die Politik haben noch längst nicht so viel getan, dass andere Utopien möglich sind. Dennoch: wenn wir zulange sitzen bleiben, entgleitet uns die Möglichkeit diese Gesellschaft nochmal mitzugestalten, mit mehr als einem biederen heterosexuellen Familienbild, das so viele Formen von Liebe und Leben mit Kindern ausschließt.

 

 

 

 

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