Gedanken zur Fremdbetreuung

Das Baby ist eingewöhnt und wir sind alle seit zwei Wochen krank. Yeah! Heute Gedanken zum Thema Fremdbetreuung. Krippe ist ja dem allg. Befinden nach Fremdbetreuung.  Vorweg:  die Eingewöhnung hat sehr gut geklappt, vermutlich, weil sie a) der Papa übernommen hat und b) weil das Baby super gerne mit anderen Leuten zusammen ist, sehr outgoing ist und schon in den ersten Minuten die Papa-Knie verlassen hat, um die Umgebung zu erkundigen. Und weil das Berliner Modell die Bedürfnisse von Kind und – in diesem Fall – Papa in den Blick nimmt. Und dennoch hat es mich auch ein wenig gequält. War das richtig? Hat sie Spaß? (Ganz unabhängig davon, dass das Baby im Lift zur Kita vor Freude zu quietschen anfängt) Es hat einwenig gedauert, zu akzeptieren, dass es hier wohl vor allem und auch um meine eigenen Ängste geht, die sich in diesen Fragen zeigen. Fairerweise muss man auch sagen, dass wir unseren Riesenwurm – aus Mangel an Alternativen – in eine private Kita gegeben haben und der Betreuuungsschlüssel etwas höher ist.

„Hamma schon immer so gemacht“: Das Superlativ Großeltern
Doch die Krippe wird als ein Gegensatz etabliert, in der „fremde“ Menschen das „eigene“ Kind mehr schlecht als recht betreuen. Großeltern (-teile) hingegen werden als eigene und damit nahe Bezugspersonen entworfen, die von Natur her besser und liebevoller betreuen können. Und das obwohl sie – je nach Kinderrate – vielleicht eins, zwei, drei Kinder vor 20 bis 40 Jahren großgezogen haben. Und das – obwohl man ein gutes Großeltern-Verhältnis nicht voraussetzen kann. Zudem arbeiten in der Kita Pädagog/-innen, die ihren Beruf (nämlich Kinder zu „erziehen“) gelernt haben. Dennoch höre ich in meiner Umgebung das leise Flüstern, das Kind, Baby etc. ist besser bei den eigenen Großeltern aufgehoben. Erziehung sollte auf mehr als dem wackeligen Fundament „Hamma schon immer so gemacht“ stehen und hier mache ich auch keiner Oma, keinem Opa einen Vorwurf – oder sagen wir – nicht direkt- verwundert bin ich nur über Eltern, die ihre Großeltern machen lassen und nicht das Gespräch mit ihnen suchen, obwohl sie es an sich nicht gut finden (Stichwort: Kinderwagen, Füttern statt Baby led Weaning, Elternbett  oder schlimmer: der „Klaps“ auf den Hintern etc.).

 

Großeltern sind vor allem eines: Glückssache
Mit Glücksache meine ich auch, dass viele Großeltern sich nur ungern etwas sagen lassen, von „wir haben das schon immer so gemacht“ zu „aus Euch ist auch etwas geworden“ bis hin zu unabgesprochenen Handlungen ist alles drin. Wer Großeltern hat, die zuhören können und die kein Problem damit haben, etwas anders zu machen (z.b. das Kind zur tragen, anstatt es in den Kinderwagen zu legen), der hat  doppelt Glück. Denn es ist nie selbstverständlich a) lebendige und b) dazu coole Großeltern zu haben. Warum daraus so einen Hype machen? Fremdbetreuung gibt es m.E. gar nicht, schließlich werden Babies in der Kita eingewöhnt und zwar solange, bis sie sich sicher und geborgen fühlen. Eine Eingewöhnung, die man mit Oma und Opa ja auch hat oder zumindest haben sollte.

Das gefeierte Großeltern-Narrativ übersieht auch eine ganz entscheidende Tatsache, nämlich, dass Gewalt, Missbrauch und Übergriffe vor allem im familiären Nahbereich passieren.

 

 

Schön, dass Du Dich mal wieder blicken lässt – Mutter

Meine Mutter, die allerbeste und doch auch wahnsinnig nervende Frau, hat mir vor allem eines versucht zu vermitteln: die Welt steht Dir offen, geh ins Ausland, studiere oder mache etwas, was Dich glücklich macht. Aber heirate bloß nicht oder zumindest nicht zu früh!

Bestimmt auch deswegen, bin ich nach Frankreich und in das krasse Tirol und habe mein Studium fröhlich über die Regelstudiendauer geschubst.  Dann also Politikwissenschaftlerin mit Magister, noch ein wenig Happening oben draufgesetzt (Soziologie und Gender Studies, aber ohne Abschluss). Bis zu dem Zeitpunkt, zudem ich einen Job suchte, habe ich das sehr genossen.

Babies sind fantastisch [langweilig]

Ich bekam endlich endlich ein Baby. Da lag es also das dicke Glück, das liebste und schönste. Und doch fehlte mir in den ersten Wochen vor allem eins: Mein Gehirn. Ich verzehrte mich nach dem Teil auf der Welt, der mir Bücher vorlas, krumme Gedanken und Gedichte erfand und manchmal auch einfach nur Trübsal tröten wollte. Mein ganzes Leben wurde ich auf ein studiertes  wie auch immer Leben vorbereitet und dann das: Bam!

Das Baby konnte gar nichts. Dabei konnte es mehr als alle anderen Babies auf der Station (Kopf heben und so). Mein Hirn und ich starrten abwechselnd vor unbändiger Freude und vor Angst in das Babybettchen. Manchmal weinten wir vor Überforderung, dann um eine verlorene Freiheit.

Das ging nur ein paar Wochen und das Gefühl war krass, weil mich niemand darauf vorbereitet hatte. Babies sind süß, toll, stinkig, laut, wahnsinnig witzig, aber sie haben nicht deinen Intellekt und sie beschäftigen sich erstmal sehr sehr lange damit in der Welt anzukommen und  Basics zu checken (wie Faust machen, saugen, trinken, weinen).

Alles ok mit den Kleinen, sie sind verdammt cool oder that is not the point

Weniger cool ist die Tatsache, dass wir hier einen Mindgap haben, der heißt, Frauen geben ihr Gehirn eine Weile in Obhut lustiger Hormone wie Oxytocin und so weiter, und dann? Dann bleiben sie erstmal zu Hause. Die Männer holen derweil ihr Gehirn an der Bar oder sonstwo ab und gehen wieder in die Arbeit. Während die Gesellschaft also davon ausgeht, dass Frauen auf ihre ganze Bildung (tut mir leid voll bildungsbürgerlicher Einschlag) und sonstwas verzichten können, maßt man Männer das nicht an. Gut, ich hatte jetzt wirklich Glück mit so einem Bärtigen zusammenzuleben, der Lust hatte zu Hause zu bleiben. Dem gingen aber auch abertausende Diskussionen in acht langen Jahren voran und das nicht, weil er sich rausziehen wollte, sondern, weil er sich dazu noch keine Gedanken gemacht hatte (oder besser, vielleicht nicht so viele, wie so eine Gender-Dame).[Notiz an Es: Wer privilegiert ist und als Norm des gesellschaftlichen Lebens gilt, der braucht sich dazu auch keine Gedanken zu machen]

Wie man Hirnakkus auflädt

Das ist prima, denn wir können uns austauschen, z.B. darüber, dass  sein Gehirn unterfordert ist/war und er, sobald ich nach Hause eile, irgendwohin flitzen muss, um seinen Hirnakku aufzuladen.Und das ist gut so. Und völlig normal. Nicht normal ist, dass junge Frauen statt ihres Intellekts jetzt nur noch zu instinkthaften Wesen (Naturalismus sei Dank) gemacht werden, die sofort spüren [müssen!] was ihrem Baby fehlt (was damit gleichzeitig Männern und allen anderen abgesprochen wird)[Notiz an die Puppenstube: Schreit es vor Hunger oder vor Müdigkeit? I don’t fucking know!].

Das ist ein Problem. Ein fettes. Denn statt die langweiligen Steinzeit-Märchen wieder aufleben zu lassen, braucht es neue Narrative. Zum Beispiel, dass Babies im ersten Jahr langweilig sind, dass sie viel Liebe und Zuneigung brauchen, die aber von Menschen egal welchen Geschlechts kommen können. Dass man sich die Care-Arbeit also verdammt gut teilen kann. Dass Instinkt ein Konstrukt ist, der nicht aus der Brust tropft. Dass niemand Angst haben muss, dass man was verpasst, nur weil man ein paar Stunden arbeiten geht. Dass es dem Baby gut geht, auch mit mehr als einer Bezugsperson.

Bisher ist es noch nicht vorgekommen, dass ich Morgens aus dem Haus gehe, das Baby mich lustig anglotzt und ich abends mit den Worten begrüßt werden:“Schön, dass Du Dich auch mal wieder blicken lässt, Mutter!“

P.s. Ein Rant-Text, mal wieder. Und ja, ich kann Frauen verstehen, die zu Hause bleiben. Ich möchte auch ganz oft nur die eine klare Rolle. Aber ich fühle mich nicht wohl dabei. Wenn ich hier also (junge) Frauen angreife, die zu Hause bleiben, tut es mir leid, aber vielleicht ist das dann auch nicht der Text für Euch, ich kämpfe für die Anderen.

 

What’s the dilemmama?

Tja, was ist eigentlich das Dilemma? Das Dilemma lässt sich nicht so greifen, kaputtquetschen, aber ich will es versuchen…
es dilemmamat mich, weil ich noch genau weiß, wie sich diese ersten Wochen im Wochenbett angefühlt haben, unschön, hilflos, kaputt, mit den Nerven am Enden und mit der ständigen Sehnsucht nach Freiheit und dem alten Leben, hin geworfen zwischen plötzlicher Liebe und ihrer Abwesenheit…
es dilemmamat mich, weil ich jetzt in diesem neuen Leben angekommen bin und gerne mehr Zeit hätte für das Baby, das das größte Glück in meinem Leben ist, ich aber gleichzeitig arbeiten will und es genieße, Geld nach Hause zu bringen
es dilemmamat mich, wenn ich über die Zukunft nachdenken und plötzlich Angst habe diesen Spagat aus fit in der Arbeit und fit zu Hause nicht mehr meistern kann und sich Gedanken einstellen, doch einfach hinter den Herd zu verschwinden, das Kind an der Hand und der Geruch von Kuchen überall
es dilemmamat mich, wenn ich daran denke, dass das Baby bald in die Krippe eingewöhnt werden wird und ich keine Hand darauf haben werden, dass immer alles fein, schön, bunt und liebevoll ist
es dilemmamat mich, wenn ich in Gesellschaft eine andere Erzählung wähle, als die, die es eigentlich sein soll…
es dilemmamat mich, wenn ich mit Freundinnen spreche, die lange mit dem Kind zu Hause waren und jetzt nicht mehr in den Beruf finden und sich wundern oder eben auch nicht…
es dilemmata mich, so wie jetzt nach vier freien Tagen, wo das Heimweh nach Mann und Maus schon den Abend vorher über mich hereinbringt..

in diesem Sinne, was sind eure Dilemmatas? Seid ihr etwa auch eine Dilemmama? Oder ein Dilemmapapa? Dilemmaeltern?

Eure Dilemmama

Dilemma Number one – die Retroperspektive

Ich bin mir unsicher, wie ich hier weiter schreiben soll. Eigentlich hatte ich vor Euch irgendeine Art von Retroperspektive zu geben. Zum Beispiel von den Gesprächen mit meiner besten Freundin zu erzählen, damals in der Schule…

oder wie kommt es eigentlich, dass Du Feministin bist?

…Heiraten niemals
Damals, als wir jede noch so kleine Pause nutzen, auf den Flur zu fliehen, uns an eines der großen Fenster zu setzen, von denen man direkt auf den Pausenhof blicken konnte. So saßen wir zusammengekauert auf der Fensterbank, die Knie an die Brust gezogen, unter uns die warme Heizung und sinnierten über das Leben, oder darüber, wie wir es uns das so vorstellten und wie wir es uns nicht vorstellen. Ich kann mich nicht mehr an all die Gespräche erinnern, so wie ich mich an vieles nicht mehr erinnern kann, ich zähle eher zu den Siebträgern unter den Elefanten. Aber geblieben ist dieser einzigartige Konsens: Nie zu heiraten, und bitte nie Kinder zu bekommen. Jetzt rückblickend möchte ich behaupten, dass wir fast jedes Gespräch so angefangen oder so haben enden lassen. Mittlerweile hat sie zwei Kinder und ich eines. Rückblickend könnte man also meinen, diese feministische Ader hat sich da ja schon gezeigt. Nur, dass das Quatsch ist. Von Feminismus hatte ich nie jemanden reden hören und mich also solche zu bezeichnen, völlig verfrüht. Die Aussage, die wir hier trafen hatte bei mir eher mit der Angst zutun, so zu werden wie meine Eltern.

Cause you can do everything..
Einer geht arbeiten. Die andere macht alles. So war die Rollenaufteilung meiner Eltern bis zu meinem 19. Lebensjahr. Dann hat meine Mama auch noch gearbeitet. Und alles gemacht. Für mich herrschte in meinem kindlichen Reptilienhirn Determinismus: Ich werde so wie meine Eltern bzw. meine Mutter. Daran kann ich nichts ändern. Aber ich kann daran etwas ändern, ob ich Mann, Kinder etc. möchte. Also lieber nicht. Ich kannte auch keine Eltern, bei denen das Verhältnis irgendwie anders war. In meiner Strasse herrschte die Norm der 50er. Es gab eine Scheidungsfamilie, die von den Normfamilien gedisst wurde (und von mir verehrt) und Strassenfeste, auf denen die Mütter Trifle, Bayerisch Creme und Tiramisu brachten und die Männer Bierbänke schleppten und Bierfässer anrollten. Abende, an denen die Männer vollmundig ihre Weiseheiten kundtaten und die Frauen sich über Rezepte austauschten. Überspitzt und doch irgendwie wahrheitsgemäßg.

Oder eben nicht..
Dann später, da war ich so jugendlich (un)ausgereift, hat mich Geschlecht einen Scheiß interessiert. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass es keine Rolle spielt. Dachte ich zumindest, gleichzeitig beschäftigte ich mich ausschließlich mit meinem Körpergewicht, klebte mir abends Hefe mit Zitrone aufs Gesichts und verschlang die Fotostories in Mädchen und Bravo.  Ich schwankte zwischen, Mädchen sind gleicher als Jungen und dem unbändigen Wunsch nach einem Ritter hoch zu Roß.  Der kam erstmal nicht, oder zumindest ohne Pferd.

Das reicht doch erstmal, oder? Ich sehe, ich kommt nicht dahin, wo ich hinwollte. Vielleicht ja dann das nächste Mal, wenn es wieder heißt: Äh, momentmal, in welcher Gesellschaft leben wir eigentlich und wollen wir leben?

 

 

 

Hört ihrs schon trapsen?

Zündfunk Generator: Rockerbraut? Mutter! hier als unbedingte Empfehlung. Bettet das Phänomen der neuen Mutterlust (igitt!) ganz gut ein. Zeigt, dass es nicht so ist, dass wir in einer gleichberechtigen Gesellschaft leben, sondern das junge Frauen wieder (und immer noch) zu Hause bleiben, während der Mann nach seinen zwei Monaten Elternzeit wieder in das lustige Arbeitsleben einsteigt und tripp trapp auch auf die Karrierleiter purzelt und sich zwischendurch in Papacafés seine gesellschaftliche Anerkennung abholen darf.

Getragen wird das Phänomen von einer Laissez-Faire oder bayerisch „Schau ma mal“ Grundhaltung, die vordergründig so tut, als könne man dann ja aber in den Folgejahren abwechseln und schwups ist man in die Rollenverteilung von Mama und Papa in den 50er Jahren geglitten und sieht nur schicker aus. Mehr ranten ist heute nicht drin, weil Gute-Nacht-ich-habe -heute-schon-gearbeitet-das-Baby-geschaukelt-und-bin-jetzt-müüüüüde.Muah!

 

 

Feministische Elternschaft anyone?

Seit ich diesen Blog angefangen habe, brennt es mir unter der Zunge. Aber immer wieder, wenn ich anfange, darüber nachzudenken, die Ebenen zu finden, die es zu trennen gilt, das Unsagbare sagbar zu machen; sind sie weg: Die Wörter, die Gedanken, die Analyse. Zurück bleibt Verwirrung und ein schlechter Geschmack im Mund.

Wer passt denn auf das Kind auf?

Ich könnte versuchen, es an einem Bild festzumachen. Den nur ganz leicht hoch gezogenen Augenbrauen, wenn ich sage, das ich arbeite und der Mann zu Hause ist. Um dann einen Moment später die Frage zu hören: Wer denn auf das Kind aufpasse? Ungelogen, ich habe das jetzt schon mehrfach beobachtet. Ich glaube nicht mal, dass das böse gemeint ist. Ich denke, das ist einfach beispielhaft für unsere Zeit, die nicht wirklich fortschrittlich in dieser Hinsicht ist. Es ist für viele Väter nicht denkbar länger als zwei Monate zu Hause zu bleiben. Und in der Frage: Wer denn auf das Kind aufpasse?, schwingt also die Annahme mit, dass jemand anders auf das Kind aufpassen muss, als „nur“ der eigene Mann. Vielleicht, weil sich manche Männer in der Elternzeit nicht ausschließlich um ihren Nachwuchs kümmern, sondern um ihr Fortkommen, ihre Karriere, ihre Hobbies, ihre Wünsche etc. Ich muss also nochmal erklären, dass der Mann sich wirklich um das Kind kümmert und fast nichts Eigenes macht, außer abends, wenn das Gebrumm schläft.

…ein Gefühl

Ich könnte versuchen, es an einem Gefühl festzumachen. Diesem Gefühl, dass mich überfällt, von meinen Zehenspitzen geradewegs ins Gehirn rast, wenn ich wieder einem dieser Elternpaare gegenübersitze, in der die Frau die Leistung ihres Körpers lobt, den Sinn, den sie nun endlich im Leben gefunden hat.

...ein Narrativ

Ich könnte es an dem Narrativ festmachen, das mir rausrutscht, wenn mich Leute fragen, ob und wie ich wieder arbeite und ich mich verteidige, bevor ich angegriffen werde. Dann betone ich, dass der Mann mehr Elterngeld bekomme, dass mein Job weggewesen wäre, dass wir so beide viel Zeit für das Baby haben. Und lüge ich mir doch in die Tasche. Denn wtf? Ich arbeite einfach gerne! Was, wenn ich es einfach wunderbar finde, an einem Schreibtisch zu sitzen und viele Aufgaben zu haben, um dann nach Hause zu kommen und einen gackernden Knäuel in den Arm zu nehmen? Wenn ich es auch wunderbar finde, mal einen halben Tag Babyfrei zu haben und auf einen Vortrag, einen Kongress, in eine Ausstellung gehen zu können?

…andere Eltern/die Mehrzahl der Eltern

Ich könnte es an all den Eltern festmachen, die mir hier in dieser Stadt begegnen und zu denen ich nicht gehöre. Den am Wochenende-schiebe-ich-den-Wagen-Papa, den Frauen, die ohne zu diskutieren aus ihrem Beruf aussteigen und die Väter nicht mal Windeln wechseln lassen, weil sie etwas falsch machen können. Den Frauen, die nicht mehr in den Beruf zurückkehren und denjenigen, die es wollen, aber dann nicht mehr können.

…Stilldiskussionen

Ich könnte es an all den Diskussionen um Stillen festmachen, die sich immer auch um Bindung drehen und niemand sich die Frage stellt, wie denn Männer dann diese Bindung oder auch das Ausgeschlossen-Sein erleben. Was, wenn dieser ideologisch geführte Streit die Zügel etwas lockerer machen würde und Hebammen und Gynäkologen nicht mehr nur zur Geburt, sondern auch zur Elternschaft beraten würden. Was, wenn diese dann auch den Satz sagen würden, na und die Genialität der Muttermilch hü oder hott, nicht stillen hat auch Vorteile, etwas wenn sie eine einigermaßen gleichberechtigte Partnerschaft führen wollen…

Kein Fazit

Versteht mich nicht falsch, ich finde jede Frau soll und darf entscheiden, wie lange sie mit dem Baby zu Hause ist und auch ob sie die Brust gibt oder nicht. Was ich mir nur wünsche, ist eine Optionsvielfalt: mit stillenden Papas, mit arbeitenden Müttern, mit putzenden, tröstenden Vollzeitpapas. Stattdessen beobachte ich vor allem eine Retraditionalisierung, die mit Erleichterung einhergeht. Vielleicht, weil viele Mamis und Mama einfach keinen Bock haben, diese Gap zu meistern zwischen Arbeit und Familie und in beidem zu bestehen.

Als ob sie  sich in den Sessel der eigenen Großmütter gleiten lassen und erstmal nicht mehr aufstehen zu wollen. Was ich gut verstehen kann. Denn die Gesellschaft und auch die Politik haben noch längst nicht so viel getan, dass andere Utopien möglich sind. Dennoch: wenn wir zulange sitzen bleiben, entgleitet uns die Möglichkeit diese Gesellschaft nochmal mitzugestalten, mit mehr als einem biederen heterosexuellen Familienbild, das so viele Formen von Liebe und Leben mit Kindern ausschließt.

 

 

 

 

Lesen macht traurig und froh

Ich wollte noch kurz loswerden, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Denn nach einer intensiven Lesepause, lese ich – Kindle sei Dank – mehr denn je. Da sich die meisten E-Reader dimmen lassen, ist nämlich das abendliche Lesen wieder drin und lesen lässt es sich auch prima mit dem Baby auf dem Arm. Los geht’s:

Das achte Leben, von Nino Haratischwili

Erzählt das Leben von sieben Frauen und Generationen aus Georgien, starker Persönlichkeiten, deren Leben von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen (Aufbau und Zerfall der Sowjetunion) durchzogen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich 1280 Seiten einfach mal so runterlese. Prädikat: Nur mit Taschentüchern und teilweise vor-blättern (Folterszenen) aushaltbar, aber dennoch ein wunderbares Buch. Nur der Schluss hat mich nicht mehr so gerissen.

Americanah, von Chimamanda Ngozi Adichie

kannte ich von diesem TED-Video: ‚the danger of a single story‘, in der sie aufzeigt, wie Stereotype und Rassismen auch durch Geschichten und Bilder reproduziert werden, sehr gut erzählt, unbedingt anschauen, went ihr das noch nicht gesehen habt.

Die Autorin hat mehrere Romane über Nigeria veröffentlicht, u.a. Americanah. Americanah ist der Name für eine Frau, die aus Nigeria nach Amerika geht und wieder zurückkommt. Super Einstieg, wer langsam in die Geschichte Nigerias eintauchen mag, oder wie es die Kollegin sagte, die mir das Buch als Reiselektüre empfahl: da muss man am wenigsten weinen…

Die Hälfte der Sonne, s.o.

Deswegen habe ich auch gleich damit weitergemacht. Hier erzählt sie die Geschichte von Biafra. Biafra war der Versuch der Igbo sich von Nigeria unabhängig zu machen, nachdem es zu massiven und makabren Massakern an der Bevölkerung kam. Die Geschichte einen eigenen Staat zu gründen geht schief, Biafra wird nur von vier afrikanischen Staaten und Haiti anerkannt. Das Buch ist heftig, umso mehr, dass es eben keine Fantasielektüre ist, weil der Krieg von 1967 bis 1970 stattgefunden hat. Vermutlich wird Biafra am meisten mit einer Hungersnot, bzw. Kindern, die deswegen an Kwashiorkor (Achtung Link führt zur Erklärung und auch Bilder, nix für allzu Labile) erkrankt sind, verbunden. Lesenswert, supertraurig und leider spannend. Gut gegen Eurozentrismus im Anfangsstadium.

Warum französische Kinder keine Nervensägen sind, Pamela Druckerman

Natürlich lese ich auch Schrott, et voila! Wo kämen wir denn sonst hin? Kurz und gut, eine Amerikanerin schreibt über Pariser Familien und Kindererziehung, münzt das aber auf ganz Frankreich und quer durch alle Klassen und Schichten. Prädikat: spart es euch! Dass Kinder Grenzen brauchen kann man besser bei Jesper Jul nachlesen, der schlingert auch nicht so rum. Das französische Eltern so wahnsinnig freiheitsliebend und mutig sind und ihre Kinder unbeaufsichtigt auf die Straßen rennen lassen (was sie selbstverständlich nicht tun), scheint mir völlig überzogen und einfach mal die Tür nachts zu machen und das Kind alleine lassen, hach, darüber brauchen wir gar nicht reden…

Zweiter Urlaub mit Baby…

erfolgreich überstanden. Ich kann das nur empfehlen, auch wenn es teilweise stressig ist. Aber das ist es ja hier auch!

Vom Suchen und Finden
Die erste Woche waren wir viel beschäftigt mit vergessen,suchen und einkaufen. Bikini vergessen einzustecken, einkaufen von neuen Trinkflaschen, weil die mitgebrachten Trinksauger alle gleichzeitig brüchig wurden. Das Suchen nach Babynahrung, die keinen Zucker enthält, war auch aufregend. Vor allem nachdem ich in der Apotheke auf einen Brei reingefallen bin (ich habe in keinem Supermarkt klassischen Gries gefunden), der versprach das Baby mit sanften Kräutern in den Schlaf zu schmusen. Hat sogar gewirkt. Das Baby hat allerdings nur zwei Schluck genommen. Der Bärtige hat probiert und la voila! Sucre! Wurde dann wieder verbannt und schnell wieder vergessen. Das Baby hat zu den meisten Sachen in der ersten Woche: „Nada, nada, nada“ gesagt (außer zum Essen) und den knallroten Kopf geschüttelt. Vor allem am ersten Tag nach dem Flug, den es völlig verschlafen hat. Heute sind wir in der „Dadadaada-Wut-Phase“- ich gewinne den Glauben, dass sie die Reise von gestern noch verdauen muss.

Die Nicht-Reproduzierbarkeit des perfekten Babyschlafes
Novum: Das Baby hat die Nächte besser als zu Hause geschlafen und tatsächlich erstmals von abends um elf Uhr bis morgens um 6:30 geschlafen. Leider fehlt uns die Formel der Reproduzierbarkeit, aber es ist schon viel entspannter.

Die zweite Woche war dann auch super und ich hätte gerne noch eine Woche drangehängt. Wir haben uns damit beschäftigt eine Küstenwanderung auf mehrmaligen Etappen nicht zu schaffen (!), lagen vor allem mit dem Baby im Schatten rum und haben das Meer hypnotisiert – oder umgekehrt. Wer weiß das schon so genau.

Flugangst
Gab es keine. Das Baby hat mit allen Menschen, die es getroffen hat, wild geflirtet und auch versucht mit ihnen zu reden. Erst, wenn man ein Baby dabei hat, sieht man mal, wie nett auch die Leute aussehen, deren Mundwinkel am Boden schleifen. Denn sobald das Baby sie anlacht, lachen sie ja doch. Kann frau nur was lernen. Hinflug wurde verschlafen, pünktlich zum Abheben ist das Baby an der Flasche eingepennt und erst beim Landen wieder aufgewacht. Rückflug war das Baby komplett wach und hat teilweise fleissig geschrien, weil es sich nicht so bewegen konnte, wie es wollte oder warum auch immer. Das Baby ist laut und lustig. In alle Richtungen und das von Anfang an.

Soweit mal wieder, ich vermisse die Sonne und den Wind auf der Haut, den hellblauen Himmel, das glitzern der Sonne auf dem Meer…hoffentlich bald mal wieder…

La Li Lu…oder Mädchen haben viel zu tun

…nur die Frau und auch die Frauen im Mond schauen dem Baby beim Einschlafen zu. Tatsächlich hat sich das Baby eben aus dem Kinderwagen (tief schlafend, was auch erst seit zwei Monaten etwa geht), in die Manduka (immer schon gut) ins Kinderbeistellbettchen bringen lassen, ohne aufzuwachen. Phänomenal! Neu! Und jetzt zu den wirklich wichtigen Dingen, den Frauen im Mond. Ich dichte um. Nicht alles, nicht viel, aber manches. Lieder und Bücher. Zumindest habe ich es mir vorgenommen, in den Charts läuft bei uns nur La Li lu und das eigentlich auf Dauerschleife. Abends zum Einschlafen und Nachts zum beruhigen (was gerne weniger sein dürfte). Was macht die denn da? Fragen sich einige und man (!) sollte nicht meinen, wieviele Menschen sich davon angestoßen fühlen, dass ich eine fiktive Person (Mann im Mond) einfach umgegendert habe. Passiert ja auch bei einigen Kino-Titeln, so etwa, als ich einer Freundin vorschlug in Ghostbusters zu gehen und ihr Mann nur meine, wie könne man so einen Klassikern mit Frauen besetzen. Dass das schlicht und einfach frauenverachtend ist, finden viele zu hart. Ist aber so, denn, wenn wir mal drüber nachdenken, heißt das einfach, dass Frauen nicht soviel können (sollen?) wie Männer. Wen interessiert es, ob der Mensch im Mond ein Gießkännchen hat, wie es die Omimi sagen würde? Eben. Was unsere Kinder lesen, hören, sehen,  geschunkelt, gesagt bekommen, entscheidet ganz grundlegend darüber, wie sie später denken werden und vor allem, was sie sich zutrauen, wünschen etc. Da wir ganz viel davon nicht in der Hand haben, ich sage mal Diskurse, Gesellschaft, Politik, Machtverhältnisse im Großen und Ganzen oder  einfach: Omas, Opas, Tanten, Verwandte, Erzieher_innen, Lehrer_innen, Spielzeug-, Lebensmittelindustrie etc. möchte ich wenigstens dem Unbewußten meiner Tochter einen winzigen Moment mitgeben, der sagt: eine Frau im Mond ist möglich! 

My Body is a what?

Mein Körper war vor und während der Schwangerschaft ein durchgeyogter, gut erzogener Gesell. Ich konnte von Kopf bis Fuß Entspannung ein- und ausatmen und mich jederzeit durchbaummeln lassen. Je später die Schwangerschaft desto träger, müder und eigensinniger wurde dieses Gestell. Doch erst lange nach der Schwangerschaft macht sich ein völlig neues Körpergefühl bemerkbar. Keines. Ich bin mal stärker, mal schwächer. Für eine überzeugende Eigen-Körper-Recherche ist keine Zeit. Ein 8-Kilo Baby um den Bauch geschnallt, volle Einkauftstaschen in beiden Händen, ab damit in den vierten Stock; das läuft, weil es laufen muss. Der neue Körper bekommt in Sekunden Schweißausbrüche, wenn das Baby zu sehr schreit und muss ansonsten still halten. Fürs yogische Hineinhorchen ist keine Zeit. Vom Optimierungsprogramm Körper bleibt nur die Funktion übrig. Der Körper muss und soll möglichst gut funktionieren. Mit wenig bis gar keinen Schlaf, mit wenig bis sehr viel Essen, mit wenig bis keiner Erholung, vor allem mit viel Koffeein. Bei Kopfschmerzen gibt es Tabletten und die wirken auch. Zurück bleibt eine Erschöpfung, die beim tiefen Ein- und Ausatmen unter den Rippen schmerzt. Da wo früher Raum war, ist jetzt Verspannung. Alles in allem, dennoch ein wundersamer Zustand, den ich um nichts tauschen möchte. Schließlich ist es auch dieser Körper, der vom Baby gezwickt und mit offenen Mund abgespeichelt wird. Wo an den Haaren gezogen wird und plötzlich riesige Augen vor meinem Gesicht auftauchen und ein großer zahnlos lachender Mund, ein Knie in meinem weichen Bauch eingedrückt wird und sich meine Nase in einer kleinen Faust wiederfindet, die mal wieder überprüft ob die Mama da ist und wirklich 3D. Herrlich!